Lukas Foerster

Der philippinische Regisseur Lav Diaz war lange Jahre Journalist. Heute dreht er Filme, die im Weltkino vergeblich ihresgleichen suchen.

Organische Konstruktion

I Survived Lav Diaz’s Heremias“, betitelte der Blogger Estan seine Rezension (besser vielleicht: seinen Erfahrungsbericht) eines neunstündigen philippinischen Autorenfilms. Das Kino des Lav Diaz fordert eine solche Haltung heraus: Cinephilie als Extremsport. Der Taktung der Kinokonvention, die sich in ihren in den allermeisten Fällen 80 bis 120 Minuten langen Blöcken problemlos in den Tagesablauf integrieren lässt, setzt Diaz seine Konzeption von „organischer Konstruktion“ entgegen. Er dreht so lange weiter, bis sich der Film fertig anfühlt, ob sich das irgendjemand außer ein paar Verrückten ansieht, ist gleichgültig. Angesprochen auf die Länge seiner Filme sagt Diaz:  „(…) if you cannot sit through ten hours this time, I will wait for you. Maybe ten years from now you can watch it. I will wait for that. Art can wait. There is no rush.“

Diaz’ Magnum Opus ist zweifellos der Nachfolgefilm: der fast dreizehnstündige Evolution of a Filipino Family (Ebolusyon ng Isang Pamilyang Pilipino, 2004). Im Grunde greift dieser Film hinter den Anfang der Kinokarriere des Regisseurs zurück: Die ersten Aufnahmen entstanden Mitte der 1990er, die Dreharbeiten umfassten beinahe zehn Jahre, was man auch direkt am Altern der Protagonisten ablesen kann, eine der Hauptfiguren wächst im Lauf des Films vom kleinen Jungen zum jungen Mann heran. Diaz entwirft eine komplexe Familienchronik, die eng mit der politischen Geschichte der Philippinen während der letzten Jahre der Diktatur des Ferdinand Marcos (1972–1986) verknüpft ist. Der Film handelt von Findelkindern und Geisteskranken, von Vergewaltigung, Mord und Rache, schließlich von einer apokalyptisch anmutenden Goldsuche. Außerdem ist er durchsetzt von historischen Filmaufnahmen, Radio-Seifenopern und anderen historischen Artefakten. Vor allem aber geht es um ganz alltägliche Handlungen, um Mahlzeiten, um Streitgespräche, ums Warten, um Klatsch und um Liebe, kurzum darum, das Leben selbst aus den Fängen der dominanten Geschichtsschreibung zu bergen.

Evolution of a Filipino Family weist den Weg für das weitere Werk, in seiner Verschränkung von hyperrealistischer formaler Ästhetik, polit-historischer Radikalität und narrativer Experimentierfreude, auch in technischer Hinsicht: Wurde West Side Kid noch auf 16mm gedreht, arbeitet Diaz seither ausschließlich digital – und durchgängig in schwarzweiß. Die neue Technik ermöglicht nicht nur eine fast schon unglaublich kostengünstige Produktion (Diaz’ vielstündige Werke haben Budgets von kaum mehr als 10.000 Dollar, Beträge, für die nicht nur in Hollywood, sondern auch im europäischen Autorenkino kaum jemand aus dem Bett steigt), sie machen außerdem filmische Zeit auf grundlegend andere Art und Weise verfügbar. Viele Einstellungen dauern zehn, zwanzig Minuten, gelegentlich nützt Diaz die Länge digitaler Videotapes (meist circa eine Stunde) sogar komplett aus.